
Ich hatte eine schwere Kindheit – als Bayernfan
August 25, 2007von Andi
Bis zum Sommer 1973 war ich im örtlichen Turnverein und interessierte mich samstagabends mehr für Raumschiff Enterprise und Daktari. Dann hatte ich keine Lust mehr auf Turnen und wollte in den Fußballverein. Mein Vater, selbst begeisterter Kicker und einstmals Hessenauswahlmitglied, hatte darauf – glaube ich heute – nur gewartet: Innerhalb von einer Woche war ich im Verein angemeldet und hatte nach einem Arztbesuch (bei dem mich dieser alte Sadist… schmerzhaft dahin kniff, wo es kein Mann gern hat) und zwei weiteren Wochen meinen Spielerpass. Damit war ich Fußballer.
Was jetzt noch fehlte, war ein Lieblingsverein: Mein Vater war Schalke-Fan und meines Bruders Herz schlug seit Emmerichs legendärem Tor gegen Spanien ‘66 für Borussia Dortmund. In unserer Gegend gab es damals keinen Erstligaclub und der VfB Stuttgart kam schon damals nicht in Frage. Ich weiß letztendlich nicht mehr wie es geschah, ob ich mich an der Bundesligatabelle 1973/74 orientierte, oder ob ich ein Schlüsselerlebnis hatte. Jedenfalls wurde ich Bayernfan.
Fortan schaute ich nicht nur jeden Samstag die Sportschau im Kreise meiner männlichen Verwandten, sondern studierte sonntags ganz genau die Tabelle in der BamS. Tore, Punkte, Platzierung. Benotung der Spieler. Torjägerliste: wie viele insgesamt? Mit links? Mit rechts? Mit dem Kopf? (Die Kategorien „Im Sitzen“ und „Mit dem Hintern“ hätte man für Gerd Müller einführen müssen! Finde ich heute noch!)
Aber meine Jahre als Bayernfan waren nicht einfach: Sie galten schon damals als die arroganten Neureichen, die mit Maier, Beckenbauer, Schwarzenbeck, Breitner, Hoeness und Müller auch das Korsett der Nationalmannschaft stellten. Und, was sie nicht gerade beliebter machte: sie spielten einen reichlich unattraktiven, lediglich am Erfolg orientierten Fußball, der mit dem der Fohlen aus Gladbach, dem ewigen Konkurrenten jener Tage, nicht vergleichbar war.
Trotzdem fieberte ich mit. Jeden Samstag, wenn ich selbst zerschunden, aber frisch geduscht vom Sportplatz kam. Und das hornby’sche Leiden als Fan begann gleich im ersten Bundesligaspiel nach der 74er WM gegen Kickers Offenbach: 0:6. Es war unfassbar! Meine Weltmeister, die allerbesten Fußballer die es gab, verloren gegen diesen No Name Verein aus einem Frankfurter Stadtteil (wie ich als 9-jähriger glaubte, der auch Frankfurt nur als die Stadt mit dem Fernsehturm kannte, an der wir jeden Sommer auf dem Weg zu Oma und Opa vorbeifuhren)! Das konnte nur ein Ausrutscher gewesen sein, glaubte ich. Aber es ging so weiter. Trost spendete nur der Europapokal der Landesmeister, in dem sich die Bayern irgendwie 3 Mal hintereinander bis ins Finale durchmogelten und gewannen: 74 mit 1:1 und 4:0 gegen Atletico Madrid, 75 mit 2:0 gegen Leeds United mit Billy Bremner, dem Giftzwerg und Joe Jordan, dem Mittelstürmer ohne Zähne und 76 mit 1:0 (durch Franz “Bulle” Roth) gegen den AS St. Etienne mit Rocheteau.
In der Bundesliga war ziemlich Essig: 10., 12.: rauf und runter in der Tabelle, meistens eher runter als rauf. Die Bayern waren trotz Starbesetzung nur Mittelmaß in der Liga, Anspruch und Wirklichkeit klafften weit, weit auseinander. Paul Breitner war mittlerweile zu Real Madrid gewechselt, was ich als Kind als so etwas wie „Landesverrat“ betrachtete, sicherlich beeinflusst durch die BILD und das Geschwätz von den „Legionären“ die man nicht in der Nationalmannschaft spielen lassen dürfe. Blödsinn.
Normalerweise neige nicht zum Jähzorn, aber einmal hatte ich einen richtiggehenden Blackout und beschimpfte eine Bekannte meiner Eltern als „dumme S**“, weil sie abends, während ich im Aktuellen Sportstudio eine weitere Niederlage der Bayern mit ansehen musste, höhnisch kommentierte: „Die großen Bayern. Schon wieder verloren.“ Es muss während einer Serie von Niederlagen passiert sein. Ich war 13 oder 14 und sowieso empfindlich wie nur was. Pubertät und so. Ich entschuldigte mich natürlich. Beleidigt war ich trotzdem.
Ich sah Trainer kommen und gehen: Udo Lattek, Dettmar Cramer, Gyula Lorant. Ich musste miterleben, wie die Bayern am 9. Oktober 1976 zu Hause gegen Schalke mit 0:7 untergingen. An solchen Wochenenden wollte ich nicht mal mehr die BamS lesen, sondern mich am liebsten irgendwo hinter dem Sofa verkriechen. Ich wüsste zu gerne, warum einem Niederlagen, die bittersten noch dazu, so viel besser im Gedächtnis bleiben als Siege. Geht das nur einem Bayernfan so, weil die Siege dieser Mannschaft meist glanz- und emotionslos herausgekickt wurden?
1977 ging Franz Beckenbauer nach New York und 1979 Gerd Müller nach Fort Lauderdale. Das Bayern meiner ersten drei Jahre als Fan gab es nicht mehr. (Erinnert sich noch jemand an die Versuche, Georg „Katsche Schwarzenbeck Libero spielen zu lassen?) Es kam der Umbruch.
Aber auch die neu formierte Mannschaft sparte nicht mit Grausamkeiten. Uefa Cup 79/80: Im Halbfinale (das im Übrigen mit Gladbach und Stuttgart rein deutsch besetzt war), die Bayern endlich mal wieder international ganz gut dabei, traf man auf die Eintracht aus Frankfurt. Anfang April 1980 wurde das Hinspiel 2:0 gewonnen. Im Europapokal normalerweise ein gutes Ergebnis, das man auswärts durchaus verteidigen konnte. Zwei Wochen später stand es im Frankfurter Waldstadion 2:0 nach 90 Minuten und 5:1 nach 120. Es war einfach niederschmetternd.
Zum Ausgleich wurden die Bayern im Mai 1980 mit Walter Junghans (Sepp Maier hatte seine Karriere nach einem Autounfall beendet), Wolfgang Dremmler , Hans Weiner , Klaus Augenthaler, Udo Horsmann, Bernd Dürnberger, Paul Breitner, Kurt Niedermayer, Norbert Janzon, Dieter Hoeneß und Karl-Heinz Rummenigge erstmals seit sechs langen Jahren wieder deutscher Meister (Wie lang für ein Kind oder einen Jugendlichen ein Jahr ist, weiß jeder…). Ganze zwei Punkte vor dem HSV. Es schien sich eine neue Ära im Landesmeistercup anzubahnen: in der ersten Runde warf man das große Ajax Amsterdam raus, in der zweiten Runde Banik Ostrau, aber dann war Schluss: 0:0 und 1:1 im Halbfinale gegen Liverpool: das reichte nicht gegen Souness, Dalglish & Co. Losglück hatten sie auch im Jahr darauf: erste Runde Benfica Lissabon (ein tolles 4:1 im Olympiastadion bei Schneefall), zweite Runde Universitatea Craiova, dritte Runde ZSKA Sofia, Finale: Aston Villa. 1:0 verloren. In den folgenden Jahren bildete sich bei mir so was wie ein Britenkomplex heraus. Bei jeder Auslosung, egal ob für Bayern oder einen anderen Verein betete ich, dass es kein Club von der Insel sein möge…
Und dann, so etwa ab 1983, war Schluss. Plötzlich mochte ich die Großkopferten aus München nicht mehr. Sie waren für mich ein Verein wie jeder andere. Ich hatte mit dem aktiven Fußball nach der A-Jugend aufgehört und Fußball interessierte mich nur noch am Rande. Dabei hat sicher mitgespielt, dass sich meine Interessen verschoben hatten, wie sie sich bei einem 18-jährigen eben so verschieben: der Kanzlersturz, NATO-Doppelbeschluss, Mutlangen und die Kriegsdienstverweigerung waren wichtiger für mich. Aber auch das unsägliche Gekicke jener Jahre (Weltmeisterschaft in Spanien 1982, das Skandalspiel gegen Österreich) trug dazu bei, dass ich meinen Glauben an das Gute im Fußball verlor.
Während der EM 1984 jubelte ich zwar nicht unbedingt den Spaniern zu als sie die Deutschen rausgeworfen hatten – zu der Zeit war ich gerade mit Freunden im Baskenland und schaute mir das Spiel mit ungefähr 100 Spaniern in einer Bar an), aber ich gönnte Frankreich den Turniersieg (Das Finale sah ich in einem Routier mitten in Frankreich bei Coq au vin) von ganzem Herzen, weil sie schönen, schnellen, technisch brillanten Fußball spielten. Unvergessen das Mittelfeld mit Tigana, Platini und Giresse. Welch ein Gegensatz zu den deutschen Holzköpfen und Arschbombern Schumacher, Kaltz, Hrubesch et al. („Manni Flanke. Ich Kopp. Tor“)
Erst mit meinem Umzug nach Freiburg 1986 begann ich mich wieder näher mit Fußball zu beschäftigen. Ich spielte in einer Studentenmannschaft und ging regelmäßig sonntags zum SC Freiburg ins Dreisamstadion, der damals mit Joachim Löw und Uwe Rapolder noch im Mittelfeld der zweiten Liga rumkickte. Anfangs war es nur so zum Spaß, aber allmählich entwickelte ich eine Verbundenheit mit dem Arbeiterclub. Aber das ist eine andere Geschichte…


Schöne Zeitreise! Vor allem die alten Kämpen – NORBERT JANZON! Wahnsinn!! Von dem hab ich sogar noch irgendwo ein Autogramm rumliegen….
Tja, in den Achtzigern war ich ebenfalls beinharter Bayern-Fan – bis ich naiverweise meinte, ich müsste die Roten aus political-correctness-Gründen blöd finden. Naja, ich war halt jung und es fand es schick, die Underdogs zu bejubeln und die “Bonzenvereine” zu beschimpfen.
Das hat sich allerdings in den letzten Jahren wieder gewaltig geändert. Weil ich irgendwann kapiert hatte, dass die meisten Underdogs deswegen Underdogs sind, weil sie nix auf die Reihe bringen bzw. von halbseidenen Figuren runtergewirtschaftet werden. Man kann vom Hoeneß halten, was man will – aber einen Verein, sprich ein Unternehmen führen, DAS kann er. Und das macht er jetzt schon seit fast drei Jahrzehnten picobello! Zum Vergleich sag ich nur Schalke, BVB, Hertha, HSV, FCK und wie die neidischen Möchtegerns alle heißen… Große Klappe, immer auf den Bayern rumhacken – und dann trotz Mörderkohle bankrott machen bzw. nix gewinnen oder sogar absteigen.
Ich jedenfalls bin heute wieder absolut überzeugter Bayern-Fan (klar, der SC Freiburg hat bei mir sowieso einen Ehrenplatz). Und mal ehrlich: Was wäre denn die Bundesliga ohne die Glamourtruppe von der Säbener Straße und die gelegentlichen Ausraster vom Uli? Eben.
CONNY TORSTENSSON! MISTER EUROPACUP!
Der Hoeneß war der erste echte Manager in der Bundesliga, der begriffen hat, dass man einen Bundesligaclub wie ein Unternehmen führen muss. Wer das nicht anerkennt, hat keine Ahnung… Und viele Vereine haben diese Notwendigkeit erst sehr spät erkannt und noch später reagiert. Kannste Dich erinnern, wie die Entracht 25 Mios von Octagon einfach so verbrannt hat? Das war ein Lehrstück in Misswirtschaft.
Ja, das war allerdings ne reife Leistung… aber die absoluten Unfähigkeits-Könige sind für mich immer noch die Dortmunder… die sind Mitte/Ende der Neunziger schier im Geld ersoffen, waren drauf und dran, sich auf eine Ebene mit den Bayern hochzuarbeiten – und haben dann alles komplett versaut. Statt solide zu wirtschaften, hat man im “Champions-League-Rausch” lieber solchen größenwahnsinnigen Spinnern wie dem Amoroso sackweise die Asche hinterhergeworfen.
Auch ein schönes Beispiel: Der Nullkicker Nowotny kriegt von Leverkusen noch ne millionenschwere Abfindung als Belohnung dafür, dass er ablösefrei geht!?!? Hat KEIN SCHWEIN kapiert, aber laut Völler waren das vor ein paar Jahren “ganz normale Vertragsbedingungen”!! Da sieht man halt den Unterschied: Ein Hoeneß hätte sich NIE von den Burschen (und vor allem deren Beratern!) dermaßen über den Tisch ziehen lassen.
Das ist so wahr wie das Amen in der Fußballkirche Maracana. Oder meinetwegen Wembley.