
Tage, die man nicht vergisst: 7. Mai 1994
August 24, 2007von andi
Bundesligasaison 1993/94. Der Aufsteiger SC Freiburg steht vor dem 34. und letzten Spieltag der Saison auf Platz 16 mit zwei Punkten Rückstand auf den 1. FC Nürnberg. Nach der Vorrunde hatte man noch auf Platz 11 gelegen, aber dann ging den Freiburgern nach und nach die Puste aus und es ging kontinuierlich bergab: 13. nach dem 22. Spieltag, 14. nach dem 26. und 16. seit dem 29. Spieltag. Die Stimmung war dementsprechend schlecht in der Stadt. Sie oszillierte irgendwo zwischen Hoffen und Bangen, Fatalismus und Skepsis, Mutlosigkeit und Pfeifen im Wald: Im letzten Spiel musste in Duisburg gewonnen werden und Nürnberg durfte in Dortmund keinesfalls punkten, sonst waren wir abgestiegen.
An diesem alles entscheidenden Samstag stand ich morgens schon mit einem nervösen Magen auf, der nichtmal auf eine Tour durchs „Freiburger Bermudadreieck“ (Geier, Jazzhaus, Crash) zurückzuführen war, denn ich schrieb zu dieser Zeit gerade an meiner Abschlussarbeit für die Uni und lebte sehr vernünftig. Unkonzentriert ging ich zum Einkaufen und dann in die Wohnung meines Kumpels Dimitri
, der mit meiner damaligen Freundin und seiner Freundin an den Baggersee gefahren war: Es waren gut und gern 30 Grad, aber bei ihm konnte ich wenigstens auf dem Balkon sitzen beim Arbeiten. Wir hatten in unsrer WG keinen.
Ich breitete meine Unterlagen aus und versuchte, irgendwas hinzukriegen, aber es ging nicht. Um 15.30 hielt ich es schließlich nicht mehr aus und machte das Radio an. SWF 1, Bundeliga live. Unruhig rutsche ich auf meinem Stuhl hin und her, stehe auf, setze mich wieder. Dann geht’s los:
[15:42] Gerhard Poschner trifft für den BVB zum 1:0 gegen Nürnberg! Jawoll, so muss es weitergehen. Ich kaue nervös auf meinem Bleistift rum und warte auf Duisburg. Aber dort geschieht nichts. Ich schaue 30 mal in der Minute auf die Uhr.
[15:43] Elfmeter in Dortmund! Handelfmeter gegen Nürnberg eine Minute nach dem 1:0! Zorc tritt gegen Köpke an…. Köpke hält! Köpke wehrt den Handelfmeter von Zorc ab! Nein!
[16:01] Tor in Dortmund! Michael Zorc macht das 2:0 für den BVB! Jetzt müssen aber auch die Freiburger langsam mal in die Pötte kommen, verdammt…
[16:03] Tor in Dortmund! Scheibenschießen? Nein! Rainer Zietsch macht den Anschlusstreffer für Nürnberg! Nur noch 1:2 und in Duisburg passiert immer noch nichts. Aber wenigstens auch kein Treffer gegen den SC!
[16:10] Martin Sapnring schießt den SC Freiburg in Duisburg mit 1:0 in Führung! Jaaaaaa! Ich springe von meinem Stuhl auf und das erlösende „Tooor!“ schallt durch die gesamte Siedlung, wenn nicht den ganzen Stadtteil, achwas: die ganze Stadt, alle hängen am Radio!
Pause! Ich bin derart aufgeregt, dass ich gar nichts anderes mehr denken kann. Das große Zittern – in der 2. Halbzeit geht’s erst richtig los. Momentan wär’s ja geschafft, aber… Gottseidank hat Dimitri Bier im Kühlschrank *fump*
[16:43] Tor in Dortmund! „Ausgleich?“ durchfährt es mich. In der Panik höre ich gar nicht richtig zu. Aber der Aufschrei rings um mich sagt das Gegenteil und ja: 3:1 für Dortmund in der 58. wiederum durch Gerhard Poschner! Kann der SC das 1:0 in Duisburg halten? ‘Ich mache das zweite Bier auf… Es vergeht eine endlos lange Viertelstunde, in der ich fast wahnsinnig werde: Was interessieren mich die Bayern oder die blöden Lauterer, die um die Meisterschaft kämpfen? Hier geht’s um die nackte Existenz!
Und dann kam sie, die 70. Minute:
[16:55] Tor in Duisbuuuuuurg! Andreas Zeyer, Freiburgs 6er und Dauerbrenner im Mittelfeld erlöst den SC und schießt das 2:0! Die Stadt brüllt, ich brülle, ich tanze auf dem Balkon herum, renne in die Wohnung und wieder raus. Ich kann’s kaum fassen! Das muss es doch sein! Nur noch 20 Minuten! 20 Minuten wie ein Tag…![]()
[17:12] Tor in Dortmund! Stéphane Chapuisat schießt Nürnberg mit seinem 4:1 endgültig in die zweite Liga
! Freiburg macht das Unglaubliche wahr und rettet sich am allerletzten Spieltag! Ich bin völlig am Ende mit den Nerven und unglaublich glücklich!
Wir haben damals die ganze Nacht durchgefeiert und ich glaube, ich war anschließend mehrere Tage zu nichts zu gebrauchen. Meine Arbeit habe ich doch noch geschrieben, auf genau 99 Seiten formatiert, 6 Wochen später abgegeben und sogar ne ganz gute Note dafür bekommen…


Mann, da kriegt man ja richtig Durss…!
DAS waren halt noch SC-Zeiten! Und wenn man dann noch bedenkt, dass die „Breisgau-Brasilianer“ in der Folgesaison nur um drei Punkte an der Meisterschaft vorbeigeschrammt sind – und in der Abschlusstabelle sogar drei Ränge höher standen als die Bayern……..*FUMPP!*… Prosit, Volker!… Und jetzt alle: DAS BADNERLIED!… zwodreivier…
Badnerlied? Diesen reaktionären Mist singen höchstens die Haupttribüne und der KSC!!! Die Gegengerade singt das Lied der badischen Revolution!
Wenn die Leute fragen,wenn die Leute fragen,
wenn die Leute fragen: „Lebt der Hecker noch?“
Könnt ihr ihnen sagen,könnt ihr ihnen sagen
Könnt ihr Ihnen sagen: „Ja er lebet noch.“
Refrain
Er hängt an keinem Baum
Und er hängt an keinem Strick,
Er hängt an seinem Traum
Von der freien Republik
2.
Fürstenblut muss fließen knüppelhageldick.
Es lebe hoch die freie, die deutsche Republik.
Ja 33 Jahre währt die Knechtschaft schon
Nieder mit den Hunden von der Reaktion.
3.
Schmiert die Guillotine mit Tyrannenfett!
Schmeißt die Konkubine aus des Fürsten Bett!
Ja 33 Jahre währt die Knechtschaft schon
Nieder mit den Hunden von der Reaktion.
4.
Gebet nun, ihr Großen, euren Purpur her!
Das gibt rote Hosen für der Freiheit Heer,
Für der Freiheit Rechte, für der Freiheit Reich!
Wir sind keine Knechte, wir sind alle gleich!
5.
Wenn in Flammen stehen Kirche, Schul und Staat,
Kasernen untergehen, Dann blüht unsre Saat.
Ja 33 Jahre währt die Knechtschaft schon
Nieder mit den Hunden von der Reaktion.
6.
An den Darm der Pfaffen hängt den Edelmann
Laßt ihn dran erschlaffen, hängt ihn drauf und dran.
Ja 33 Jahre währt die Knechtschaft schon
Nieder mit den Hunden von der Reaktion!
Nana, wer wird sich denn gleich so ereifern… ; )
Aber in der Tat – das Revolutions-Liedlein ist recht anschaulich formuliert und um einiges unterhaltsamer… sollten eigentlich alle Badener schon im Kindergarten lernen… ; ))
Ja, ziemlich drastisch, der Text aber so war die Gegengerade jener Tage…
Das lag vor allem daran, dass plötzlich, mit einsetzendem Erfolg, auch diejenigen ins Stadion kamen, die vorher beim Bürgerclub FFC auf der Haupttribüne gesessen hatten. Es war gelebte Opposition gegen das Freiburger Establishment. Und lustig war’s.
„Freiburger Establishment“??… SOWAS gibt’s?… Außer dem Stocker, mein ich jetzt… ; )